Hundertmeterlauf mit Koffer und Smartphone

 

Bob wird schon ungeduldig, aber da kommt endlich auch sein Koffer. Natürlich wieder als einer der letzten auf dem Band, nein, überhaupt als der letzte: Denn den, der dann folgt, kennt er bereits, er hat schon einmal die Runde gemacht. Bob hievt seinen großen, grauen Hartschalenkoffer herunter. Der ist ja fürchterlich schwer, hat da jemand etwas hineingepackt? Er schaut auf das Namensschild, und jetzt erlebt er eine böse Überraschung: Es ist nicht seiner! Diese Flugkoffer sehen doch wirklich alle gleich aus, und gerade wenn ein Fabrikat gut ist, gibt es auf jedem Flug mehrere Exemplare davon.

Wie heißt der Besitzer? Chris Rowland, also eine Frau. Nein, nicht einmal das ist sicher. Jedenfalls will dieser Mensch wohl umziehen - bei dem Gewicht muss der Koffer wohl all sein Hab und Gut enthalten. Komisch, warum hat er, als er mit Bobs Koffer davonging, nicht den Gewichtsunterschied gemerkt? Muss eine ziemliche Schlafmütze sein.

Bob zieht sein Smartphone heraus, öffnet die Tracing Station, klickt eines der überwachten „Babys“ an - Nr. 7 ist sein Koffer. Ja, der entfernt sich, ist 172 Meter weg, also bereits jenseits des Zolls. Bob hält sein Smartphone mit der Linken vor sich wie einen Marschkompass, mit der Rechten packt er den Griff des Rollkoffers und rennt!

Diese Person Chris Rowland scheint es eilig zu haben, und die Zollkontrolle hat sie wohl nicht aufgehalten. Bobs Koffer wollen die Beamten glücklicherweise auch nicht sehen. Wenn er ihn jetzt nicht rasch gegen den richtigen tauschen kann, wird er bei der Fluggesellschaft nachfragen müssen: Welcher Fluggast hat sich wegen eines vertauschten Koffers gemeldet? Adresse, Telefonieren, Hinfahren, Kofferwechsel – ärgerlich, wenn man wichtige Termine hat. Und womöglich merkt Chris erst in einem Hotel hoch in den Bergen, dass er den falschen Koffer hat! Bobs Woche hätte plötzlich einen ganz neuen Schwerpunkt.

Bob rennt weiter, schaut während des Laufens mit dem Koffer auf sein Smartphone und findet, dass aus dieser Fortbewegung eine olympische Disziplin gemacht werden sollte. Die Entfernung ist nur noch 20 Meter, 15 Meter... da, der Taxistand, jetzt geht es um Sekunden: Wer von den Einsteigenden ist Chris? Die lange Schlanke mit der blonden Mähne? Nein, der Koffer ist anders. Wo ist Bobs Koffer? Also nochmal aufs Smartphone geblickt. Die Richtung ist plötzlich eine ganz andere: Er sieht einen Mann mit zwei Koffern mitten im Gewühl. Auf dem einen Koffer sitzt er und telefoniert. Auf dem Koffer von Bob!

„Entschuldigen Sie, würde es Ihnen etwas ausmachen, auf ihrem eigenen Koffer zu telefonieren?“
„Was ist los??“
„Sie sitzen auf meinem Koffer. Ihrer ist der hier!“
Der Mann springt auf, als sei er gebissen worden, prüft sofort das Namenschild.
„Tatsächlich! Das tut mir leid, wirklich – vielen Dank!“
„Was haben Sie übrigens in Ihrem Koffer – Goldbarren?“
„Nein, Bücher, die Ausgabe der Encyclopaedia Britannica von 1788-1801, die ich in London gekauft habe. Das gesamte Wissen von damals, 20 Bände, 24 Kilo!“
„Jedenfalls das schwerste Wissen, mit dem ich je zu tun hatte! Haben Sie denn nicht gemerkt, dass Ihr Koffer nach dem Flug viel leichter war?“
„Ich war in Gedanken schon bei meinem Vortrag heute abend. Wie haben Sie mich eigentlich so schnell gefunden? Sie müssen scharfe Augen haben.“
„Nein, ich habe eine Art Radargerät. Es hat meinen Koffer im Auge und noch einiges mehr. Ein besonders intelligenter Empfänger hier in meinem Smartphone, der mit Winkelmessung arbeitet, und im Koffer ist ein kleiner Sender.“
Chris Rowland hat vor Staunen den Mund geöffnet, jetzt klappt er ihn wieder zu.
„Und wo kann man – hat diese Erfindung einen Namen?“
„Ja, Tracewave.“
„Unglaublich, was es alles gibt!“
„Allerdings. Das Wissen von heute könnten Sie in diesem Koffer nicht mehr transportieren. Auf jeden Fall nicht als Lexikon!“